Apollo 11 und Robert Goddard – eine metawissenschaftliche Reflexion

Von Hermann DĂĽr

Das Jahr 2019 (“50 Jahre Mondlandung”) war auch ein zweites, oft vergessenes Jubiläum, nämlich “100 Jahre des wohl grössten Wissenschaftsirrtums i.S. Fortbewegung”.

Aber kaum jemanden dĂĽrfte sich dessen bewusst sein!

1. GODDARD LEHNT SICH VOR HUNDERT JAHREN GEGEN EINEN WISSENSCHAFTLICHEN KONSENS AUF

Vor 100 Jahren herrschte WELTWEIT unter Wissenschaftlern Konsens, dass kontrollierte Fortbewegung im All des Vakuums wegen nicht möglich ist, und dass prognostiziert werden durfte, dass es kaum je Raumfahrt geben wird. Es galt fĂĽr praktisch die Gesamtheit der Wissenschaftsgemeine: “Die Fakten sind klar!”

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Ein einziger (!) Wissenschaftler nur publizierte 1919 eine abweichende Meinung: Der Amerikaner Robert Goddard (im Buch “A method of reaching  extrem altitudes”). Raketen KĂ–NNEN sich im All kontrolliert bewegen. Die Natur lasse das durchaus zu – so seine abweichende Behauptung. Er kam daher auch zu ganz anderen Handlungsempfehlungen zur Lösung anstehender Fragen als die Allgemeinheit von damals. (Der Russe Ziolkovsky sagte zwar 1903 Ă„hnliches, war damals aber praktisch unbekannt und daher nicht Gegenstand wissenschaftlichen Diskurses gewesen, weshalb er hier bewusst nicht aufgefĂĽhrt ist).

Goddard war – in heutiger Terminologie – zum “Umgebungsabstossungsleugner” geworden: Geräte – so sagte die Wissenschaftsgemeinschaft nämlich ĂĽbereinstimmend – mĂĽssen sich fĂĽr eine kontrollierte Fortbewegung immer von ihrer UMGEBUNG abstossen können – was im All ohne umgebende Luft eben nicht gehe.

Goddard aber LEUGNETE exakt das.

Er – und das publizierende Smithsonian-Institut – wurde fĂĽr diese Behauptung in einer unerwartet harschen öffentlich-emotionalen Reaktion umgehend weltweit kritisiert und geächtet. 1924 stellte Goddard in einem “Popular Science”-Magazin seine Argumente der Ă–ffentlichkeit nochmals sorgfältig zur Diskussion. Doch vergebens. Eine ernsthafte Diskussion war in den breiten akademischen Kreisen offensichtlich gar nicht erwĂĽnscht. Man wusste ja schon alles.

2. DIE FOLGEN

Dies traf Goddard psychisch sehr stark – so sehr, dass er fortan praktisch nicht mehr pubizierte. Er  entwickelte zwar äussert viel, aber weil er sich  aus Angst vor der sozialen Ă„chtung eben nicht mehr zu publizieren getraute, blieb er fĂĽr die praktische Raumfahrtindustrie weitgehend bedeutungslos.

Ähnlich ging es übrigens nur wenige Jahre später auch dem Raumfahrtpionier Hermann Oberth, der in seiner Dissertation zu gleichen Schlüssen zur Fortbewegung im All und der sich daraus ergebenden Handlungsempfehlungen kam: Die Universität Heidelberg lehnte die Dissertation ab, und zwar nur deshalb, weil sie nicht der damals gängigen wissenschaftlichen Meinung, also dem wissenschaftlichen Mainstream, entsprach.  (Heute gilt die Arbeit als wissenschaftlich korrekt.)

Dieser verhängnisvolle “Konsens” der Wissenschaftsgemeinschaft damals – notabene NICHT (!) etwa im dunklen Mittelalter sondern zur modernen, angeblich aufgeklärten Zeit, z.B. nur 4 Jahre nach Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie etc. – wurde später nicht nur der Untauglichkeit als Mittel zur Erkenntnisgewinnung ĂĽberfĂĽhrt.

Nein, der Glaube an diesen Konsens fĂĽhrte auch zur Notwendigkeit, dass andere, nicht diffamierte Leute, oft genau dasselbe nochmals erfinden mussten, was wiederum grosse Zusatzkosten nach sich zog.

Dazu kam 1960 noch die (allerdings kaum adäquate) Entschädigung des Staates an die Erben Goddards fĂĽr die praktischen Folgen der ursprĂĽnglichen Ă„chtung, in Form eines Kaufs seiner Patente (die inzwischen natĂĽrlich fortlaufend verletzt wurden). Paradoxerweise kaufte man damit oft just das, was im weltweiten wissenschaftlichen Konsens zuvor als unmöglich erklärt wurde … Notabene alles zu Lasten der Steuerzahler, die somit auch noch fĂĽr die ursprĂĽngliche Diskussionsverweigerung aufzukommen hatten.

Und die New York Times, die wohl am agressivsten – unter ausdrĂĽcklicher Berufung auf den wissenschaftlichen Konsens – ĂĽber Goddard herzog, entschuldigte sich 1969 fĂĽr ihre damaligen offenkundigen Fake News schliesslich öffentlich.

3. WAS WAR FALSCH GELAUFEN ?

Das alles hätte vermieden werden können, hätte man anerkannt, dass Konsens (sei er 50, 80 oder 97% – damals ĂĽbrigens praktisch 100%) schlicht kein wissenschaftliches Kriterium ist. Und dass die Bereitschaft zu Zweifeln, zu Hinterfragen und umgekehrt zu offenem Diskurs mit Vertretern widersprechender Argumente – kurz: Beim Verzicht auf eine Glaubenseinstellung zu Gunsten offener Kritikzulassung – der produktivere Weg zur Erkenntnisgewinnung ist. – Doch es galt damals: “Die Fakten sind klar …”.

Zum GlĂĽck verliessen sich einige Menschen nicht auf das, was die Wissenschaftsmehrheit damals als Fakt betrachtete. Wären die Fakten nämlich tatsächlich wie behauptet gewesen – und hätten sich nicht einige Menschen davon einfach nicht beeindrucken lassen – dann hätte es 50 Jahre später nicht nur keine Mondlandung gegeben. Es gäbe bis heute auch keine Aufnahmen ĂĽber die UrsprĂĽnge des Weltalls, keine raumgestĂĽtzten Aufklärungs- und FrĂĽhwarnsysteme zur Stabilisierung der sicherheitspolitischen Lage, keine Wettersatelliten, keine Kommunikationssatelliten, keine Erdbeobachtungssatelliten fĂĽr Kartographie, Katastrophenhilfe oder Klimabeobachtung, auch nicht das Navi im Auto und vieles mehr fehlte im heutigen Alltag gänzlich.

4. FAZIT FĂśR HEUTE, 100 JAHRE DANACH

Dieser fundamentale historische Irrtum der Wissenschaftsmehrheit, der sich im Jahr 1919 ein Mensch ERSTMALS weltweit lesbar öffentlich widersetzte (Ziolkovsky war zuvor, wie erwähnt, nicht weltweit lesbar gewesen), hat unter dem Aspekt der Metawissenschaft durchaus Aufmerksamkeit verdient.

Etwas pointiert wäre die Schlagzeile dazu:

“50 Jahre Mondlandung dank Wissenschaftler – und 100 Jahre Unmöglichkeitserklärung derselben durch Wissenschaftler”.

Das sind ungewohnte, tiefgrĂĽndige und z.T. auch schmerzliche Gedankenanstösse zum zweifachen Jubiläumsjahr 2019 … Aber sie sollten in einer ernsthaften raumfahrthistorischen Betrachtung angesprochen werden, da sie wertvolle Erkentnisse fĂĽr die Gegenwart liefern.

Denn sind wir heute so viel weiter als damals ?

Es gibt auch heute noch Bereiche, wo nicht Argumente sondern Konsens als massgebendes wissenschaftliches Kriterium gilt. Und auch heute beobachten wir Bereiche (auch in der Wissenschaft), wo die Bereitschaft zur offenen Diskussion zurĂĽckhaltend, ja bis agressiv-ablehnend ist.

Doch der Fall Goddard ermutigt auch: Bleibt doch die Freude, dass die Verirrung der wissenschaftlichen Mehrheit ĂĽberwunden wurde: Durch Mut, sehr viel Ausdauer und ECHTER Wissenschaftsmethodik, die eben nicht dem konsensualen Mainstrem folgt sondern vielmehr mit Argumenten systematisch den konstruktiven Zweifel am scheinbar Feststehenden mit Respekt und ergebnissoffener Diskussionskultur pflegt – und uns so all die Bescherungen der Raumfahrt ermöglichte!

Hermann DĂĽr, Burgdorf