Paris, 3. Februar 2003
Presseinformation
N° 02-2003

Raumfähre "Columbia" - Mitteilung Nr. 1

Am Samstag, den 1. Februar um etwa 15.00 Uhr MEZ ging die Raumfähre
"Columbia" verloren. Die sieben Astronauten an Bord - Missionskommandant
Rick Husband, Pilot William McCool, Nutzlastkommandant Michael Anderson,
die Missionsspezialistinnen Kalpana Chawla und Laurel Clark,
Missionspezialist David Brown und der israelische Nutzlastexperte Ilan
Ramon - kamen bei dem Unglück ums Leben.

Generaldirektor Antonio Rodotà und der Direktor für Bemannte Raumfahrt,
Jörg Feustel-Büechl, haben im Namen der ESA dem Administrator der NASA,
Sean O'Keefe, und anderen leitenden Bediensteten der NASA und über sie den
Angehörigen der Astronauten ihr Beileid ausgedrückt.

Angaben zur Mission

Die Raumfähre "Columbia" war am 16. Januar mit einem Spacehab-Modul an
Bord zu der 16-tägigen Wissenschaftsmission STS-107 gestartet. Die Mission
wurde in 274 km Höhe mit einer Bahnneigung von 39° durchgeführt. Es
handelte sich nicht um eine Mission zur Internationalen Raumstation (ISS),
sondern um eine autonome Raumtransportermission ohne Rendezvous mit der
ISS und ohne Mannschaftswechsel.

In einem planmäßigen Wiedereintrittsszenario beginnt die
Wiedereintrittsphase knapp eine Stunde vor der Landung in rund 8 000 km
Entfernung von der Landebahn im Kennedy Space Center (KSC) in Florida. Zu
diesem Zeitpunkt fliegt der Orbiter in ca. 170 km Höhe mit einer
Geschwindigkeit von etwa 28 000 km/h. Er wird dann in die richtige
Fluglage gebracht, und mit der Zündung der Steuertriebwerke wird der
Abstieg eingeleitet.

Rund 5 Minuten später beginnt in 120 km Höhe mit einer von einem
Bordkontrollsystem gesteuerten automatischen Sequenz der Eintritt in die
obere Atmosphäre. Zwischen 81 und 49 km Höhe herrscht Funkstille, da die
Raumfähre in dieser Phase von einer für Funkwellen undurchdringlichen
Hülle aus ionisierten Gaspartikeln umgeben ist. Die Funkstille dauert etwa
16 Minuten.

Der gesamte Wiedereintritt kann automatisch erfolgen oder von der
Mannschaft gesteuert werden.

Die Wiedereintrittsphase von "Columbia" am 1. Februar verlief nicht
planmäßig. Etwa um 15.00 Uhr MEZ brach der Funkkontakt zur Raumfähre ab.
Zu diesem Zeitpunkt, rund eine Viertelstunde vor der geplanten Landung,
flog die Fähre mit 18-facher Schallgeschwindigkeit in 63 km Höhe über
Texas und war noch 1 400 km von der Landebahn im KSC entfernt.

Videoaufnahmen zeigen, daß die Raumfähre einer gleichmäßigen Bahn folgte,
wobei sie offenbar langsam auseinanderbrach. Die Trümmer sind über ein
weites Gebiet im Osten von Texas und in Louisiana verstreut und werden nun
nach und nach eingesammelt.

NASA-Administrator Sean O'Keefe hat eine Untersuchungskommission gebildet,
die eine unabhängige Ermittlung der Ereignisse und Aktivitäten, welche den
tragischen Tod von sieben Astronauten auf der Raumfähre "Columbia" zur
Folge hatten, durchführen soll. Der Direktor des Raumtransporterprogramms,
Ron Dittemore, hat in einer Stellungnahme die Möglichkeit der Beschädigung
einer Tragfläche der Raumfähre beim Start angesprochen; bisher sei jedoch
nicht bekannt, ob dies zu der Katastrophe beigetragen haben könnte.
Derzeit werden sämtliche Daten gesichert. Durch die Auswertung dieser
Daten und die Begutachtung der eingesammelten Trümmerteile soll die
Ursache des Unglücks ermittelt werden.

Unterdessen bleiben alle Raumtransporter am Boden, was unter anderem
bedeutet, daß der Termin des geplanten Flugs des ESA-Astronauten Christer
Fuglesang an Bord der Raumfähre "Atlantis", d.h. Juli 2003, nun überprüft
werden muß.

Internationale Raumstation (ISS)

Gegenwärtig befindet sich eine dreiköpfige Mannschaft an Bord der ISS:
Kommandant Kenneth Bowersox (NASA) und die Flugingenieure Nikolai Budarin
(RKA) und Donald Pettit (NASA). Sie kamen am 24. November 2002 mit der
Raumfähre "Endeavour" (STS-113) an und sollten Mitte März 2003 mit der
"Atlantis" zurückfliegen.

Ein russischer Progress-Entsorgungsfrachter (9P) koppelte sich am 1.
Februar planmäßig von der ISS ab, und am 2. Februar um 13.59 Uhr MEZ wurde
eine Sojus-Rakete mit einem weiteren Progress-Frachter (10P) erfolgreich
für eine planmäßige Versorgungsmission gestartet.

An Bord der ISS sind ausreichende Vorräte (Proviant, Wasser, Treibstoff,
usw.) für mehrere Monate nominalen Betriebs vorhanden. Auch ist ein
Sojus-Fahrzeug des Typs 5S angekoppelt, das der Station als "Rettungsboot"
bis mindestens Mai 2003 zur Verfügung steht.

Rosaviakosmos und die NASA bestimmen gegenwärtig den Nachschubbedarf für
die ISS und ihre Mannschaft in den kommenden Monaten und werden das
Manifest für den nächsten Progress-Flug (11P, geplant für Juni 2003) und
Sojus-Flug (6S, geplant für April 2003) neu festlegen.

Der nächste Mannschaftswechsel sollte beim Flug der Raumfähre "Atlantis"
im März 2003 stattfinden. Der am 26. April vorgesehene nächste Sojus-Flug
war als Taxi-Flug mit dem ESA-Astronauten Pedro Duque geplant. Dieser Flug
wird nun einer eingehenden Überprüfung unterzogen, doch werden Duque und
sein ESA-Kollege André Kuipers, der am Sojus-Flug 7S im Oktober teilnehmen
soll, einstweilen ihr Trainingsprogramm wie geplant fortsetzen.

Die nächsten Raumtransportermissionen zur ISS sahen nach einem
MPLM-Logistikflug fünf Montageeinsätze für den Anbau von Gittersegmenten
und Solargeneratoren vor und sollten im Februar 2004 zum Start des
Verbindungsknotens Nr. 2 führen. Wie sich der Verlust der "Columbia" auf
diese Planung auswirken wird, soll in den nächsten Wochen geklärt werden.

ESA-Nutzlasten an Bord der "Columbia"

Die Raumfähre "Columbia" führte das Spacehab-Forschungsdoppelmodul mit
sieben ESA-Nutzlasten mit, deren Gesamtmasse 600 kg betrug und rund 25 %
der Nutzlast auf dem Mitteldeck der Raumfähre und im Spacehab ausmachte.

Alle Nutzlasten haben während des 16-tägigen Einsatzes planmäßig
funktioniert. Für die folgenden vier Instrumente, die der biologischen
Forschung und Proteinkristallzüchtung dienten, werden jedoch keine
wissenschaftlichen Ergebnisse zur Verfügung stehen, da den
Experimentatoren keine Proben oder elektronischen Daten bereitgestellt
werden können:

· Die Verbesserte Protein-Kristallzüchtungsanlage (APCF) umfaßte 38
Experimentbehälter, deren Daten auf Digitalband aufgezeichnet wurden und
deren wissenschaftliche Ergebnisse in den verarbeiteten Experimentproben
bestanden.

· Die "Biobox" wurde für vier Experimente genutzt, deren Ergebnisse in
verarbeiteten Proben bestanden. Für diese Einrichtung liegen nur
Telemetriedaten vor, die zeigen, daß sie einwandfrei funktioniert hat.

· Der "Biopack" diente acht Experimenten, deren wissenschaftliche
Ergebnisse in den verarbeiteten Proben bestanden.

· Die Europäische Forschungseinrichtung zur Osteoporose im Weltraum und
auf der Erde (ERISTO) umfaßte zwei Experimente mit 12 Experimentproben in
Form menschlicher Knochenzellen. ERISTO benutzte das von der kanadischen
Raumfahrtagentur CSA leihweise bereitgestellte Versuchsgerät OSTEO. Auch
hier bestanden die wissenschaftlichen Ergebnisse in den Proben selbst.

Für die folgenden drei Forschungsinstrumente stehen alle Daten für die
wissenschaftliche Auswertung zur Verfügung:

· Die Einrichtung "Com2Plex" ermöglichte drei technologische Experimente,
die der Erprobung neuer Kreislauf-Wärmerohrkonzepte für die Industrie
dienten. Die empfangenen Telemetriedaten aller Experimente lassen bereits
erhebliche Verbesserungen der Wärmetransportfähigkeit erkennen. Die Daten
sollen nun genauer ausgewertet werden.

· Mit der Anlage für Adsorptions- und Oberflächenspannungsmessungen (FAST)
konnten während des Flugs alle drei geplanten Experimente zum Abschluß
gebracht werden. Alle Informationen (Telemetrie- und Videodaten) stehen
den drei Experimentatorgruppen zur weiteren Auswertung zur Verfügung.

· Das Verbesserte Atmungsüberwachungssystem (ARMS) war für 7
Flugexperimente und 1 Bodenexperiment zur Untersuchung der Lungen- und
Herzkreislauf-Funktion unter Schwerelosigkeit bestimmt. Alle vor dem Flug
gesammelten Basisdaten und alle Flugdaten liegen den Experimentatoren in
elektronischer Form zur Auswertung vor.


Nähere Auskunft erteilt:

ESA Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
Referat Medienbeziehungen
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