Die Cassini-Huygens-Mission soll das
Saturnsystem erforschenLandung auf
dem Saturnmond
Titan
Fred Richter, Agent
and Consultant
Dieser Artikel wurde ursprünglich in der Technische Rundschau Nr. 51/52 1997
publiziert
Die Cassini-Huygens-Mission
ist ein von der US-Raumfahrtbehörde NASA und der europäischen Raumfahrtagentur ESA
gemeinsam konzipiertes Unternehmen zur Erforschung des Saturnsystems. Moderne
europäischeTechnik macht dies möglich.
Eine Titan-IV-Centaur-Rakete brachte das
Raumfahrzeug Cassini von Cape Canaveral aus in eine Bahn, auf der es nach sechs Jahren und
sieben Monaten den Saturn erreicht. Nach zwei Swingby-Manövern an der Venus im April 1998
bzw. Juni 1999, einem Swingby an der Erde im August 1999 und einem weiteren am Jupiter im
Dezember 2000 wird das Raumfahrzeug
die erforderliche Geschwindigkeit erhalten, um im Juli 2004 den Saturn zu erreichen. Nach
einigen Monaten in der Saturnumlaufbahn wird der Orbiter Cassini dann die mitgeführte
europäische Huygens-Sonde abstossen, die dann in die Atmosphäre des Satummondes Titan
absteigt. Die Huygens-Sonde soll zunächst die Zusammensetzung der Titanatmosphäre und
die Verteilung von Spurengasen und Aerosolen sowie Winde und Temperaturen, ferner Druck
und Oberflächenbeschaffenheit untersuchen, um schliesslich auf dem Saturnmond zu landen.
Eine in der Sonde mitgeführte Multispektralkamera wird Bilder von Titan liefern.
Es kommt nicht von ungefähr, dass man die beiden
fluggeräte nach europäischen Astronomen, dem Franzosen Giovanni Cassini sowie dem
Niederländer Christian Huygens, benannte. Beiden verdanken wir massgebliche Einsichten in
das Saturnsystem.
Im Fernrohr wird die Erscheinung Saturns durch das
prächtige Ringsystem beherrscht, das die grosse Plattenscheibe umgibt und wahrscheinlich
erstmals von Gallleo Galilei im Jahre 1610 gesehen wurde, wenn er auch nicht dessen wahre
Gestalt erkannte. Erst Christian Huygens stellte 1656 fest, dass es sich um
einen freischwebenden Ring handelte. Er verwendete bei seinen Beobachtungen erstmals ein
später nach ihm benanntes Okular, dessen Aufgabe darin besteht, das vom Objektiv des
Linsenfernrohrs entworfene echte Zwischenbild möglichst abbildungsgetreu in das
Auge des Betrachters zu leiten. Vereinfacht ausgedrückt wirkt das Okular wie eine
Lupe. Der aus einer Astronomenfamilie aus Italien stammende Giovanni Domenico Cassinis
entdeckte 1671 vier der Saturnmonde. Weltweite Anerkennung erfuhr er 1675, als er einen
schmalen Spalt bemerkte, der den Saturnring in zwei Teile trennt.
Saturn - rätselhafter Planet
Saturn ist der sechste Planet im Sonnensystem und der
äusserste, der vor der Erfindung des Fernrohrs bekannt war. Er besteht im wesentlichen
aus Wasserstoff und Helium und gibt 1,8mal soviel Energie ab, wie er von der Sonne
empfängt. Saturn hat keine Oberfläche, auf der man landen könnte. Ein Raumfahrzeug,
welches in seine Atmosphäre absteigen würde, wäre von Gasen eingehüllt. Die
Temperaturen sind unerträglich heiss, das Fahrzeug würde in der Hitze zerbrechen und
schmelzen.
Es wird angenommen, dass das Innere Saturns aus einem
eisenreichen Kern aus Ammoniak, Methan und Wasser von der Grösse der Erde besteht, der
von einer 21 000 km dicken Schicht aus flüssigem, metallischem Wasserstoff umschlossen
ist. Darüber erstrekken sich ein flüssiger, molekularer Wasserstoff und ausgedehnte
Wolkenschichten. Obgleich uns auch die besten Teleskope der Erde nur drei Ringe des
Planeten zeigen, wissen wir inzwischen, dass das Ringsystem aus einer nahezu
atemberaubenden Ansammlung von Tausenden von Ringen besteht. Die Instrumente der
Forschungssonden Pioneer und Voyager meldeten, dass diese aus Eis bestehen, welche
vermutlich Gesteinsbrocken umschliessen. Aber auch «flimmernde Geisterteilchen» wurden
entdeckt, von denen man annimmt,. dass sie elektrisch geladen sind.
Saturn hat wohl die merkwürdigsten
Trabanten im ganzen Solarsystem. Ihre Grösse ist recht unterschiedliche sie beginnt bei
40 km und endet bei 25150 km, Monde also, die grösser sind als der Planet Merkur. Saturn
wird von 17 Monden umkreist - oder sind es sogar noch mehr? Nach der Cassini-Mission
erfahren wir vermutlich Genaueres. Einige der Monde sind von zahlreichen Kratern
übersät, von ihrer Entstehungsgeschichte wissen wir so gut wie gar nichts. Es sind
dieses Iapetus, Dione und Enceladus, von dem man glaubt, er besitze Eisvulkane, die
Teilchen zu Saturns entferntestem Ring schlendern.
Übrigens: Der Cassini-Orbiter wiegt
2150kg, die Huygens-Sonde 350 kg, zusammen mit den anderen wissenschaftlich-technischen
Einrichtungen an Bord beträgt das Startgewicht 5800 kg.
Weil nicht genügend Sonneneinstrahlung
erfolgt, verfügt der Orbiter über keine Solarausleger, sondern er wird durch Generatoren
versorgt. Verwendet wird Plutonium 238, das auch bereits bei den Galileo- und
Ulysses-Missionen zur Anwendung kam. Thermokoppler verwandeln die beim Zerfall des
Plutoniums entstehende Wärme in Elektrizität.
Warum Landung auf dem Titanmond?
Titan und die Erde sind die einzigen Körper im
Sonnensystem, deren Atmosphäre primär aus Stickstoff besteht. Die Photodissoziation der
atmosphärischen Bestandteile erzeugt Wasserstoff, der dann in den Weltraum entweicht, so
dass Titan von einem Torus aus Wasserstoffatomen umgeben ist. Der äussere Rand der
Magnetosphäre hindert diese Gaswolke daran, sich weiter über die Titanbahn hinaus
auszudehnen. Titan könnte noch über die Chemie verfügen, die einst auf der
jungfreudlichen Erde vorhanden war, bevor die Bakterien auftraten. Man glaubt auf dem
Saturnmond feststellen zu können, welche Veränderungen auf unserem Planet durch die
Sonnenstrahlen hervorgerufen wurden.
Wird sich eines Tages auf Titan ein Leben
wie auf der Erde entwickeln? Ein amerikanisches Instrument auf der europäischen
Huygens-Sonde soll Titans «Ursuppe» untersuchen. Der Saturnmond besitzt eine
rötlich-orange Färbung mit Meinem, aber merklichem Unterschied zwischen den beiden
Hemisphären. Er hat eine ausgedehnte Atmosphäre, die hauptsächlich aus Stickstoff (82
%) mit Spuren von Methan (6 %), Acetan, Propan, Diacetylen, Methylacetylen,
Kohlenstoffdioxid und Kohlenmonoxid besteht.
In geringen Höhen über der Mondoberfläche könnten auch Methanwolken schweben,
die abregnen, abhängig von Druck, Höhe und Temperatur. Das wurde bei einem
Experiment abgeleitet, bei dem die VoyagerSonde langsam Radiosignale zur Erde schickte,
während sie sich der Mondscheibe vom Atmosphärenrand her immer mehr näherte, bis sie
dahinter verschwand. Auf der Erde kamen dann mehr oder weniger geschwächte Signale an, je
nachdem, wie dicht die durchlaufende Atmosphärenschicht war. Nach den Messdaten dieses
Bedeckungsexperiments sowie aus Messungen an Bord der Voyager beträgt die Temperatur auf
der Titanoberfläche 92 K, und der Oberflächendruck ist 1,6 bar, so dass man eine
Erwärmung durch einen schwachen Treibhauseffekt annehmen kann.
Die Erforschung dieses Saturnmondes durch
vorbeifliegende Sonden - und natürlich erst recht durch erdgebundene Teleskope - erweist
sich natürlich als recht schwierig. Einzig der grobe Aufbau der Atmosphäre konnte dank
Voyager 1 analysiert werden. Über die Beschaffenheit der Oberfläche gibt es bislang nur
Vermutungen. Es wird erwartet, dass die europäischen «Eintauchsonde» nun neue
Erkenntnisse vermitteln wird.
Neue Techniken für den europäischen
«Lander»
Um auf einem derart unwirtlichen
Trabanten wie Titan zu landen, braucht es ein spezielles Gefährt, das allen Widrigkeiten
trotzt. Europa hat diese Herausforderung angenommen: Die ESA baute, zusammen mit der
französischen Aérospatiale, die Huygens-Sonde, die nicht nur «eintauchen», sondern
wenn möglich sicher landen soll. Das Gerät für das Flugmodell wurde von der Daimler
Benz Aerospace ausgeliefert, wo die Instrumentalisierung vorgenommen wurde.
Huygens wurde mit einer Schutzkapsel versehen, die einer Muschel gleicht Zwei mit
Hitzekacheln versehene Hälften sollen 12'000 0C widerstehen, wenn das Gefährt
die Gashülle durchquert, das Hitzeschild sowie die benötigte Trennvorrichtung wurden bei
der Contraves Space, Oerlikon, hergestellt.
Bestückt ist die Sonde mit
Messinstrumenten und Sensoren, aus den diversen europäischen Mitgliedstaaten der ESA
sowie den USA. So wird beispielsweise ein deutsches Radiosystem die Windgeschwindigkeiten
messen, um diese an den Orbiter weiterzugeben. Schon beim Abstieg, bei mehr als 1000 km
über Titans Oberfläche, soll ein Radarhöhenmesser erkunden, ob die Landefläche eben
oder hügelig ist.
Detaillierte Wetterinformationen werden von Instrumenten
geliefert, die von einem internationalen Team unter italienischer Leitung bereitgestellt
werden. Dazu der Projektleiter Marcello Fulchignoni: «Huygens gibt uns die seltene
Chance, einen Wetterbericht direkt aus einer anderen Welt zu liefern. Auf Überraschungen
müssen wir allerdings vorbereitet sein.» Mit anderen Instrumenten sollen Radiowellen
sowie Licht- und Schallerscheinungen verschiedener Wolken - also Blitze - nachgemessen
werden. Ein mitgeführtes Mikrofon soll sogar das Donnergrollen aufnehmen.
Ein amerikanisches Instrument soll die
Sonde nach der Landung auf dem Mond fortwährend nach allen Seiten drehen, damit die
gesamte Umgebung mit einem Scanner bearbeitet werden kann. Allerdings dürfte bei dem dort
herrschenden orangefarbigen Nebel nicht besonders viel von der Gegend zu sehen sein.
Wiederum sollen, wie bei Voyager 1,
infrarotspektroskopische Messungen vorgenornmen werden. Ein Spektrometer soll feststellen,
wieviel Wärme durch die Sonneneinstrahlung in die Atmosphäre eindringt und wieviel davon
wieder in den Weltraum abgestrahlt wird.
Mit einem Massenspektrometer soll das
Gewicht von Molekülen und Atomen bestimmt werden, ein Chronograph soll diese nach ihrer
Geschwindigkeit «sortieren».
Auch die Suche nach Argon, einem chemischen Element aus
der Gruppe der Edelgas, soll intensiviert werden. Es entsteht grösstenteils aus dem
Zerfall des Kaliumisotops und könnte Hinweise auf die atmosphärische Herkunft dieses
Saturnmondes geben. Wenn es einst von eisigen Kometen mitgeführt wurde, wie viele
annehmen, könnte dessen Gehalt sehr gross sein. Dieses könnte die Theorie erhärten
wonach die Atmosphäre und das Wasser der Erde ebenfalls von Kometen stammen. Ein nur
geringer Bestandteil an Argon würde jener Auffassung recht geben, wonach sich Titan aus
methan- und amoniakhaltigen Eis bildete, das in einer Wolke um den Saturn entstanden ist.
In diesem Falle würden die Gase allem Anschein nach aus dem Inneren des Planeten stammen,
und die Sonnenstrahlen hätten es in nitrogene Stoffe umgewandelt. Auf der Suche nach
Aerosolteilchen, feste oder flüssige Schwebestoffe von maximal etwa 10-5 cm
Durchmesser, macht sich ein französisch-österreichisches Team mit ihren Instrumenten,
einem Spektrometer und einem speziellen Gaschromatographen. Diese kolloidal im
Dispersionsmedium Luft gelösten Teilchen spielen als Kondensationskeime eine wichtige
Rolle im Wettergeschehen.
Die Gilde der Chemiker sieht diesen Untersuchungen
ebenfalls mit grossem Interesse entgegen. Eine Untersuchung von Titans Atmosphäre wird
Hinweise darauf geben, wie sich unsere Erdatmosphäre entwickelt hat, und uns
wahrscheinlich helfen, die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten zu verstehen.
Der Kamikazeflug der Huygens-Sonde
Man geniesst einen wundervollen Ausblick auf die
schillernden Ringe Saturns, bevor man im orangefarbigen Nebel verschwindet. Landet die
Sonde nun auf festem Boden oder auf einem Teil des Mondes, der nach analytischen
Berechnungen mit Methanozeanen bedeckt ist?
Was wäre wohl die letzte Meldungen eines Astronauten?
Dass er erfriert, ihm die Luft zum Atmen fehlt, oder dass die Titanatmosphäre ganz
fürchterlich nach einer Ölraffinerie riecht...?
Die Huygens-Sonde «schläft» während der Reise von der Erde zum Saturn. wobei
natürlich gelegentlich Kontrollen über ihr Wohlbefinden gemacht werden. Fünf Monate
vorsichtigen Manövrierens werden benötigt, um die Huygens-Sonde an Titan
«abzuliefern». Eine Alarmanlage wird die Sonde «wecken», eine Viertelstunde, bevor der
Abstieg in die Titanatmosphäre beginnt. Bei dem Eintritt in die Mondatmosphäre werden an
der Sonde sehr hohe Temperaturen entstehen, da sie durch die Reibung der oberen
Atmosphärenschichten abgebremst wird. Während der Abbremsung von 14 auf 25g soll das
Schutzschild die Sonde vor dem Verglühen schützen, und bei von 1,5facher
Schallgeschwindigkeit in etwa 190 km Höhe wird der erste Fallschirm entfaltet. Es dauert
etwa 2,5 h bis zur Landung auf Titans Oberfläche.
Mit den wissenschaftlichen Messungen kann erst begonnen
werden, wenn das Hitzeschild abgesprengt worden ist und die Instrumente freigesetzt
wurden. Das geschieht oberhalb des Mondes. Kurz vor der Landung, wenn die Geschwindigkeit
auf weniger als 300 km/h hinuntergefahren wurde, wird die Roboterkontrolleinheit einen
zweiten Fallschirm öffnen, und die Sonde wird sanft zu Boden gleiten.
Allerdings wird befürchtet, dass in diesem Moment der
Kontakt zum Cassini-Orbiter abbrechen könnte, nicht wegen des harten Aufpralls, sondern
weil man einen flüssigen Untergrund vermutet Vielleicht hat die Huygens-Sonde auch Glück
und der Wind trägt die Sonde auf eine Insel, so dass sie wie geplant die Untersuchungen
aufnehmen kann.
Die 300 W Verlustleistung des Robotergehirns mit all
seinen Zusätzen soll die Kälte, zwischen -120 und -2000 C geschätzt,
überstehen helfen. Allerdings muss die Sonde die Mondoberfläche erreichen, bevor die
Batterie leer ist. Für die Beobachtungen auf der Oberfläche des Mondes bleiben
möglicherweise nur ganze 3 min, vielleicht eine halbe - aber höchstens 3 h.
Die Aufgaben des Orbiters
Nicht nur die europäische Sonde, sondern auch der
amerikanischen Cassini-Orbiter, der übrigens mit Hilfe italienischer Wissenschaftler
instrumentiert wurde, soll den Saturnmond erforschen. Zunächst einmal dient er als
Relaistation, um die direkte Informationen der fünf Instrumente von der Huygens-Sonde
aufzunehmen und zu interpretieren.
Man will aber genau wie bei Voyager 1 - durch die
Ausnutzung des Gravitationsfeldes von Titan hinter dem Mond vorbeifliegen, während der
vier Jahre dauernden Mission bis zu 60mal. Zudem soll er von allen Seiten fotografiert
werden.
Cassini wird aber auch Langzeitbeobachtungen der Dynamik
des Saturnsystems, des Planeten und seiner Ringsysteme vornehmen, zudem soll der Orbiter
sich den Monden Iapetus, Dione und Enceladus nähern. Alle anderen Satummonde werden aus
der Ferne beobachtet. Verwendet werden dabei vor allem die europäischen Instrumente zur
Messung des Staubes und des Magnetismus.
Während der Umläufe soll der Orbiter durch die
Gravitation des Saturnmondes derart in seiner Bahn gestört werden, dass er von nahezu
waagrecht zur Ringebene zu senkrecht wechselt. An die 30mal soll er dabei die schmalen
Ringöffnungen durchfliegen. Wenn das gelingt, dann «Hut ab» vor denen, die diese Bahnen
berechnet haben!
Da das Cassini-Raumfahrzeug der auf dem Weg zum Saturn
mindestens einen Planetoiden, nämlich Maja (Nr.66), sowie die Planeten Venus und Jupiter
passieren wird, könnte das Unternehmen Cassini-Huygens zu einer der effolgreichen
Planetenmissionen der nächsten beiden Jahrzehnte werden.
Die Planetensonde Huygens wird auf dem Titan bleiben; sie
wird somit das erste europäische Raumfahrzeug, das in einer anderen Welt gelandet ist.
Fred Richter
Fachjournalist, Voltastrasse 30
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