Raumfahrttechnik für irdische AnwendungenSupermaterialien
"made in Space"
Fred Richter, Agent
and Consultant
Dieser Artikel wurde ursprünglich in der Technische Rundschau Nr. 51/52 1997
publiziert
Dass von
der Raumfahrt auf verschiedene Arten Impulse für die Materialforschung ausgehen
verdeutlicht das Apollo-Programm. Der Aufwand betrug damals 24 Mia $, die Industrie
verdiente jedoch 30 Mia an den «kosmischen Patenten». Raumfahrt ist also von
gesamtwirtschaftlicher Bedeutung.
Heute gibt es technische Errungenschaften, die uns als selbstverständlich
erscheinen, die aus der Weltraumtechnologie entstammen. Sonnenbrillen zum Beispiel: Um den
Astronauten gegen die direkte Sonneneinstrahlung im All Schutz zu bieten, musste ein
spezielles Glas für die Helmvisiere entwickelt werden. Dieses Material stellt sich
automatisch von hell auf dunkel ein und filtriert das Licht, so dass maximale Sehschärfe
gewährleistet ist. Ein Klebeband, das Elektrokabel und Litzen vor tiefen und hohen
Temperaturen schützt, entwickelt von der NASA, verkauft inzwischen die Firma Scotch.
Black and Dekker profitierte von einem Bohrgerät, mit dem Astronauten Mondgestein aus
drei Meter Tiefe holten. Heute sind ähnliche batteriebetriebene Maschinen bei vielen
Heim- und Handwerkern im Einsatz.
Denken wir auch an die «moon boots»:
Das Material, das eine besondere Schockdämpfüng und Energiespeicherung ermöglicht,
wurde für das Mondlandeprogramm entwickelt und in den Stiefeln der Astronauten und den
Sitzen der Mondfähre verwendet. In mehrjährigen Forschungsprogrammen mit dem
NASA-Aerospace-Center haben Orthopäden und Biomechaniker das Röhren-gewebe aus
Nylonfäden zum Gebrauch in Sportschuhen umgestaltet.
In F+E-Programmen
weiterentwickelt
Die digitale Röntgenwiedergabe ohne
Film profitierte von der NASA-Computerentwicklung, die Computertomographie nutzt
Bildauswertungstechniken von Satelliten.
Weniger bekannt ist, dass sich im an die
russische Raumstation angedockten technologischen Modul sechs Schmelzöfen zur Herstellung
von Legierungen und Werkstoffen, aus denen man Halbleiter erzeugt. befinden. Es war dies
der erste Versuch einer kleinen Pilotanlage im All zur industriellen Fertigung von
Ausgangsstoffen für Mikroelektronik und Lasertechnik. Ziel dieser Arbeit ist die Suche
nach optimalen Parametern verfahrenstechnischer Prozesse, anhand deren Materialien
gewonnen werden können, die, verglichen mit denen auf der Erde, über bessere Kennwerte
verfügen, oder Materialien zu finden. die bisher keine Analogien kennen.
Wie ihre amerikanischen Kollegen bei der Entwicklung des
Space Shuttle sahen sich auch die russischen Werkstofftechniker vor eine Reihe von
Problemen bei der Entwicklung ihres Raumgleiters Buran gestellt. Es mussten Werkstoffe
geschaffen werden, die Temperaturen von -235 0C ebenso standhalten wie
solchen von +8OO C. Das bewirkte die Entstehung neuer Materialien wie hochfester
Aluminiumlegierungen. hitzebeständiger Nickel-und Kupferlegierungen, keramischer
Faserverbundwerkstoffe, die mit Bor- oder Siliziumkarbidfasern armiert sind, Kohlenpasten
auf der Grundlage von Graphit mit polymeren Bindemitteln usw. Gemeistert wurden neue
Methoden aus Produktion von Wolfram, Beryllium und Molybdän. Entdeckt wurden Wege zur
Herstellung ungewöhnlicher Werkstoffe, beispielsweise nichtrostender kälteverfestigter
Stahl. Dieser wird mit flüssigem Stickstoff auf eine bestimmte Temperatur herabgekühlt,
so dass er gezielt eine Verformung in seiner Struktur erhält, was eine neue
Matenaiqualität ergibt.
Bauelemente der Zukunft
In
der Schwerelosigkeit des Alls lassen sich nicht nur Metallschmelzen mit besonderen
Eigenschaften ziehen und Einkristalle - wichtig für die Herstellung elektronischer
Bauteile - in «Übergrössen» züchten, sondern man kann viele physikalische Effekte
studieren. Dabei geht es nicht darum, neue Materialien tatsächlich im Weltraum zu
produzieren, vielmehr genügen exemplarische Experimente und Prototypen einzelner
Werkstoffe oder Analysen eines Versuchsablaufs, um daraus in Nachfolgeuntersuchungen am
Boden wertvolle Schlüsse zu ziehen und auf dieser Basis Metoden zu entwickeln, die nicht
im Weltraumlabor, sondern in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen umgesetzt werden.
Raumfahrt eröffnet der Werkstofforschung Plattformen für wissenschaftliche
Untersuchungen, die mit Weltraummissionen nichts mehr zu tun haben. Da geht es um ganz
andere Themen, beispielsweise im Giessereiwesen oder in der Produktion extraschneller
Mikrochips.
Zum anderen stellt die Raumfahrt selbst
höchste Anforderungen an die Konstruktionswerkstoffe. Die Beschleunigung sowie starke
Erschütterungen beim Start, das Vakuum des Weltraums und schliesslich die enormen
Temperaturen beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, all das sind Faktoren, die das
Material aufs äusserste beanspruchen. Dabei werden maximale Sicherheitsstandards
vorgegeben und zugleich Gewichtsreduzierungen angestrebt, denn jedes Kilogramm, das in die
Umlaufbahn transportiert werden soll. ist ein Kostenfaktor. Ähnliches gilt für die
Luftfahrt. Nur eines von vielen Beispielen: Auf Turbinenschaufeln, die aufgrund der
wachsenden Anforderungen immer höheren Belastungen standhalten müssen, werden jetzt in
neuartigen Verfahren Wärmedämmschichten aufgedampft, mit dem Effekt einer
Leistungssteigerung bei gleichzeitiger Schadstoffminimierung.
Immer wieder entstehen aus dieser
technologischen Herausforderung verbesserte Hochleistungsmaterialien und
Fertigungsmethoden. unter anderem Legierungen, integral und damit kostengünstig
hergestellte Verbundbauteile oder auch hitzebeständige Keramiken. Letztere hat die
Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt nicht nur für einen Hitzeschild von
Wiedereintrittskapseln und, in einem anderen Projekt. zur Auskleidung von Brennkammern
entwickelt, auch die Verwtndung als Bremsscheiben in Hochgeschwindigkeitszügen wird als
eines von mehreren Themen untersucht. Nicht nur die Materialien an sich sind Gegenstand
der Entwicklung. Auch die Verfahrensweisen, in denen sie montiert und kombiniert werden,
bilden ein Forschungsfeld, das in den letzten Jahren eine Vielzahl von Neuerungen
hervorgebracht hat. Beispiel Adaptronik: «intelligente» Strukturen, also Materialien und
Systeme, die bestimmte Informationen aus ihrer Umgebung, etwa Druckverhältnisse,
selbständig registrieren, verarbeiten und darauf aktiv reagieren, indem sie sich je nach
Situation optimal anpassen. Auch diese «smart structures» kommen längst nicht nur in
der Raumfahrt zum Einsatz.
Die Jagd nach der Formel
Zahlreiche Metallschmelzen sind auf der Erde nicht
miteinander mischbar. So sinkt beispielsweise in einer schmelzflüssigen Legierung das
schwere Blei nach unten, während leichtes Aluminium darüber eine zweite Schicht bildet.
In der Schwerelosigkeit, so dachte man wenigstens, müssten sich Tropfen des schweren
Materials in der Schmelze des anderen Metalls auch nach dem Erkalten homogen verteilen
lassen. Doch die ersten Experimente im Weltraum endeten mit einer Überraschung. Erneut
kam es zu einer klaren Trennung, diesmal dergestalt. dass sich eine Kugel bildete. deren
Kern aus Blei, der Mantel aus Aluminium bestand. In zahlreichen Folgeexperimenten erkannte
man die Ursache: Im Verlauf der Abkühlung weist eine solche Schmelze an verschiedenen
Stellen verschiedene Temperaturen auf, was zu «Strömungen» innerhalb der Probe führt.
So in Bewegung geraten, trennen sich die beiden Materialien.
Könnte man diesen Effekt zuverlässig
berechnen, liesse er sich auf der Erde gegen die Schwerkraft ausspielen. Richtig dosiert,
würde die temperaturbedingte Bewegung der einzelnen Tropfen der Gravitation
entgegenwirken und in der Legierung für eine gleichmässige Verteilung sorgen.
Verbesserte Werkstoffeigenschaften wären die Folge.
Doch es fehlte am präzisen Rechenmodell, und es begann
eine nahezu weltweite «Jagd» nach der richtigen Formel. 20 Jahre lang bemühten sich
Amerikaner, Russen, Japaner, Kanadier und Europäer in zahlreichen Weltraumversuchen.
dieses Problem in den Griff zu bekommen. Ein Experiment der Deutschen Forschungsanstalt
für Luft- und Raumfahrt und vom Institut für Raumsimulation in Köln, zusammen mit
Industriepartnem entworfen und an Bord der deutschen Raumfahrtmission D-2 (26. April bis
6. Mai 1993) durchgeführt, brachte schliesslich den Durchbruch. Ein Rechenverfahren wurde
von den Versuchen im Ofen des Weltraumlabors Spacelab bestätigt. Auf dieser Basis und mit
Hilfe eines neuen Giessverfahrens wurden inzwischen Legierungen entwickelt, aus denen
Gleitlager für Kfz-Motoren produziert wurden, reibungsärmer und verschliessfester als
die heute noch gängigen Werkstoffe.
HINTERGRUND
Der Boden der Wirklichkeit
Optimisten und Fans der Weltraumfahrt sehen bereits
in absehbarer Zeit Fabriken um die Erde kreisen, propagieren den Abbau von Bodenschätzen
auf Kometen und Meteoriten. So gehört Bergbau auf dem Mond zu den vielen eigentümlichen
Begründungen für die Raumfahrt. Aber hat sich je einer die Mühe gemacht, ihre
kommerzielle Seite zu kalkulieren. Welches Mineral gäbe es, das kostbar genug ist, um das
Geschäft einträglich zu machen? Nicht einmal Plutonium in reiner Form dürfte so
wertvoll sein, dass sich ein derartiges Unternehmen darauf gründen liessa Die
Weltraumtechnik ist fester Bestandteil der Gesellschaft geworden, und jedermann
«profitiert» von ihr, man denke nur an die heutige Kommunikationstechnik beispielsweise
mit Satellitenfernsehen, Telefonverbindungen usw. oder an die
Wettervorhersagen, die zum Beispiel für
die Landwirtschaft oder für den Tourismus einen hohen Stellenwert haben. Die
militärische Bedeutung ist zwar nicht von allen gern gesehen, aber auch sie lässt sich
nicht mehr wegdiskutieren.
Was man sich meistens weniger bewusst
ist, sind die nicht offensichtlichen Weftraumtechnikfolgen. Es gibt heute eine ganze Reihe
von Werkstoffen, Geräten und Verfahrensweisen, die entweder aus Raumfahrtanwendungen
entstanden sind oder zumindest von diesen massgeblich gefördert wurden, so etwa
Quarzdigitaluhren, Taschenrechner, Kleincomputer und Fotogeräte. Hinzu kommen
Baumaterialien, besonders hitzebeständige Metallegierungen, unbrennbare Textilien,
Spezialkugelschreiber für die Schwerelosigkeit, die auch unter Wasser funktionieren -
aber auch die zweifelhafte Methode, aus einem saftigen Steak eine münzgrosse Pille
herzustellen.
Fred Richter
Agent und Consultant |