| MIT SONNENENERGIE ZUM MOND
Smart-1
mit neuen Techniken zur Erkundung des Erdtrabanten.
Zusammen mit zwei
rein kommerziellen Satelliten wurde in der Nacht vom 27. auf den 28.
September 2003 vom europäischen
Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana der europäische
Kleinsatellit Smart-1 (Small Missions for Advanced Research and Technology)
mit einer Ariane-5 gestartet.
Von
Fred Richter
Smart-1
ist die erste im Rahmen des wissenschaftlichen Langzeitplans "Horizon
2000" der ESA geplanten Smart-Missionen (Kleinmissionen für
Spitzenforschung und Spitzentechnologie). Die Mission dient in erster
Linie der Flugerprobung des solarelektrischen Hauptantriebes auf einer
Reise zum Mond, als Beitrag zur Entwicklung grundlegend neuer und wichtiger
Technologien für spätere Satelliten gleicher und ähnlicher
Art, so auch der nach dem italienischen Wissenschaftler Bepi Colombo
benannten Mission der ESA zum Merkur.
Spezialisierte
Kleinsatelliten, mit denen in den Bereichen Wissenschaft, Erderkundung
und Klimaforschung kostengünstige Missionen durchgeführt
werden können, sind angesichts der schrumpfenden Budgets mehr
denn je gefragt. Als "Zuladung" auf einer Trägerrakete
reduziert Smart-1 die Kosten um ein Fünftel der bisherigen Missionen.
Das Gewicht der Sonde beträgt 350 kg. Es handelt sich hierbei
um eine Box mit sechs gefalteten Solarauslegern bestückt, die
sich später
im Orbit entfalten.
Smart-1 macht so quasi einen Probelauf. Mit dieser Mission schlägt
man zwei Fliegen mit einer Klappe: Hier sollen auch andere Technologien
für Raumfahrzeuge und Instrumente getestet werden. Neben der
Erprobung des solarelektrischen Antriebs für die gesamte Reise
von der Erde zum Mond sollen die Instrumente durch Beobachtungen
unseres Planeten
und verschiedener Himmelskörper überprüft werden.
Hierfür
haben europäische Wissenschaftler die Sonde u.a. mit hochmoderner
Sensorik ausgestattet. Zum anderen soll die Mission aber auch offene
wissenschaftliche Fragen beantworten helfen, zum Beispiel in Bezug
auf die Entstehung des Mondes, seine genaue mineralogische Zusammensetzung
und das Vorhandensein von Wasser - und wenn vorhanden, in welchen
Mengen. Diese Daten werden das Verständnis der Wissenschaft über
das Erde-Mond-System und über erdähnliche
Planeten erweitern und ausserdem unschätzbare Informationen
im Hinblick auf eine langfristige menschliche Präsenz auf dem
Mond liefern.
Der innovative Ionenantrieb
Smart-1 wird erstmals den Schub eines solarelektrischen Antriebssystems
- welches Europa noch nie als Hauptantriebssystem eingesetzt hat
- mit dem Schwerefeld des Mondes kombinieren. Das Funktionsprinzip
jedes Antriebs im Weltraum besteht darin, Moleküle zu beschleunigen
und sie mit hoher Geschwindigkeit auszustossen. Herkömmliche Triebwerke
nutzen eine chemische Reaktion zwischen Brennstoff und Sauerstoffträger,
um ein Gas aufzuheizen und seine Moleküle auf eine Geschwindigkeit
von 1 km/sec zu beschleunigen. Bei elektrischen Antriebssystemen werden
zunächst die Moleküle eines Arbeitsgases ionisiert, d.h. elektrisch
aufgeladen, worauf das ionisierte Gas durch elektrische Felder beschleunigt
und mit einer Geschwindigkeit von rund 10 m/sec ausgestossen wird. Ionentriebwerke
erzeugen einen vergleichsweise bescheidenen Schub, funktionieren
jedoch mehrere Jahre, während die mit chemischem
Treibstoff arbeitenden Triebwerke nach wenigen Minuten ausgedient haben.
Ionentriebwerke sind
in mehrfacher Hinsicht von grossem Vorteil. Sie benötigen
erheblich weniger Treibstoff als chemische Antriebsstoffe, was bedeutet,
dass beim
Start mehr Masse für wissenschaftliche Instrumente und Nutzlasten
zur Verfügung steht. Diese Triebwerke machen den Weg frei für
Missionen in die Tiefen des Alls. Dadurch, dass sie jahrelang funktionieren,
verkürzen sie trotz ihrer geringen Schubkraft die
Zeit für interplanetare Flüge um ein Vielfaches. Darüber
hinaus ermöglicht der sanfte Schub elektrischer Antriebssysteme
eine sehr präzise Lageregelung, was bei wissenschaftlichen Missionen,
die eine hochgenaue
und unbeeinträchtigte Ausrichtung von Raumfahrzeugen erfordern,
sehr wichtig ist. Einige Techniker sind sogar der Meinung, dass diese
Antriebe in Zukunft auch die Raketen weitgehend ablösen werden.
Das ist derzeit jedoch nur Theorie.
Ein Ionentriebwerk arbeitet wie folgt: Elektronen, die in eine Entladungskammer
geleitet werden, stossen an Xenon-Atome und ionisieren sie. Das Xenon-Gas
wird der Kammer über eine Gasleitung zugefügt, stromführende
Spulen welche innerhalb und ausserhalb der Entladungskammer angeordnet
sind, halten ein magnetisches Feld aufrecht, welches die Richtung
wie Speichen eines Rades hat. Durch den
Hall-Effekt
bewegen sich die Elektronen im magnetischen Feld in entgegengesetzte Richtung
und erzeugen ein elektrisches Feld, welches
die Xenon-Ionen
beschleunigt und den Antriebstrahl erzeugt.
Zusätzlich an einer anderen Stelle erzeugte Elektronen neutralisieren
das Xenon ausserhalb des Antriebes und verwandeln es in ein gespenstisch
anmutendes blaues Gas. Xenon ist ein chemisch inaktives Element aus
der Gruppe der Edelgase mit Atomen, die 131mal so schwer sind als
die des
Wasserstoffs.
Wo sich Gravitation von Erde und Mond aufheben
Die Solarausleger der Sonde produzieren 1'350 Watt, von dem das Ionentriebwerk
0,07 Newton generiert. Das entspricht etwa dem Gewicht einer Postkarte.
Mit einer Beschleunigung von 0,2 Milimeter pro Sekunde könnte
Smart-1 theoretisch unser Sonnensystem verlassen. Bei dieser Mission
aber wird
die Sonde 16 Monate lang gegen die Anziehungskraft der Erde ankämpfen.
Dabei ist es möglich, dass sie durch Partikel aus dem Strahlungsgürtel,
der die Erde umgibt, beschädigt wird. Die Elektronik und die
Instrumente werden derart hergerichtet, dass sie einen Partikelschauer überstehen
können. Die
Sonde wird 400'000 km zwischen Erde und Mond nicht auf direktem Wege
zurücklegen sondern aus der elliptischen Erdumlaufbahn,
auf die sie die Ariane 5 bringt, schrittweise in eine spiralförmige
Bahr übergehen
und sich zum Mond. "emporschrauben". Das
europäische Kontrollzentrum in Darmstadt wird Smart-1 zwei
Tage in der Woche zunächst mit wiederholten Zündungen des
Ionentriebwerkes aus der elliptischen Bahn in einen Zirkel und schlussendlich
in eine
spiralförmige Bahn bringen.
Im Dezember 2004 wird dann das Schwerefeld des Mondes die Sonde erfassen,
um sie auf eine Umlaufbahn zu lenken. Die Missionskontrolle musste
ebenfalls neue Wege beschreiten. In einer Entfernung von 200'000
km hat sich der
solarelektrische Antrieb mit Manövern unter Schwerelosigkeit
zu bewähren. Dazu mussten die ESA-Spezialisten neue mathematische
Berechnungen erstellen, von denen auch Isaak Newton nichts wusste.
Eine kritische Situation
ergibt sich auch, wenn die Sonde durch die "unsichtbare Tür" des
Lagrange Punktes No. 1 muss, wo sich die Gravitation von Erde und
Mond aufhebt.
Smart-1 wird nicht auf dem Mond landen sondern ihre Beobachtungen
von der Umlaufbahn aus anstellen, um so ein Gesamtbild zu gewinnen.
Sie soll
mindestens sechs Monate, möglicherweise ein ganzes Jahr lang,
Messungen durchführen.
Wasser,
Minerale - und ein stürmischer Ursprung
Wird der Mond zum ultimativen Reiseziel? Können wir ihn als
Energiequelle nutzen? Wann und wie könnten wir auf dem Erdtrabanten
eine Basis oder eine Siedlung errichten? Wird es eines Tages möglich
sein, dieses Ödland in 384'000 km Entfernung in einen blühenden
Standort für Forschung und industrielle Tüchtigkeit verwandeln?
"Unser Wissen über den Mond ist erstaunlich lückenhaft",
sagt Bernard Foing, der Smart-1 Projektwissenschaftler der ESA. "Wir
möchten nach wie vor in Erfahrung bringen, wie das Erde-Mond-System
entstanden ist und sich weiterentwickelt hat, und welchen Einfluss
geophysikalische Prozesse wie Vulkanismus, Tektonik, Kraterbildung
und Erosion auf die
Entstehung des Mondes hatten. Und natürlich müssen wir
zur Vorbereitung künftiger Explorationsmissionen zum Mond und
anderen Planeten Ressourcen finden und Landegebiete auskundschaften."
Der Mond birgt noch immer zahlreiche Geheimnisse, obwohl sechs Apollo-Missionen
der NASA und drei unbemannte sowjetische Raumfahrzeuge auf
ihm gelandet sind und Gesteinsproben zur Erde gebracht haben. Die
erdabgewandte
Seite des Mondes - die man von der Erde aus nicht sehen
kann - und seine
Polregionen sind weitgehend unerforscht. Auch konnte das Vorhandensein
von Wasser auf dem Mond nie bestätigt werden, obwohl in den
90er Jahren zwei Orbiter indirekte Anzeichen hierfür gefunden
haben. Wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, wie der Mond überhaupt
entstanden ist. Nach der inzwischen weitverbreitetsten Theorie
kollidierte vor 4,5 Milliarden Jahren ein Asteroid von der Gösse
des Mars mit der Erde, worauf die verdunsteten Trümmer dieser
Kollision im Weltraum kondensierten und schliesslich den Mond bildeten.
Smart-1
wird eine Karte der Topographie des Mondes und der Verteilung von
Mineralien wie Pyroxene, Olivine und Feldspate auf seiner Oberfläche
erstellen. Ein Röntgendetektor wird die chemischen Hauptbestandteile
der Mondoberfläche bestimmen. Anhand dieser Daten werden die
Wissenschaftler die geologische Entwicklung des Mondes rekonstruieren
und nach Spuren
der Kollision mit dem riesigen Asteroiden suchen können. Wenn
diese Theorie zutrifft, müsste es auf dem Mond im Verhältnis
zu leichteren Elementen wie Magnesium und Aluminium weniger
Eisen als auf der Erde
geben. Mit der ersten umfassenden Mengenanalyse der chemischen
Elemente wird Smart-1 einen bedeutenden Beitrag zur Lösung
dieser Frage leisten können.
Technologien für künftige interplanetare Missionen
MultinationaIe Teams von Wissenschaftlern und Ingenieuren haben
sich diesmal zu einem wissenschaftlich-technischen Operationszentrum
zusammengeschlossen,
um bei dieser Mission neue Technologien zu testen, die auch bei
künftigen
interplanetaren Missionen zum Einsatz kommen können. Vertreten
sind so die Hauptinvestoren aus Finnland, Deutschland, Italien,
der Schweiz
und Grossbritannien. Diesmal sind an dieser Mission sämtliche
ESA-Mitgliedstaaten vertreten, meist als Co-Investoren. Hauptauftragnehmer
ist die schwedische Raumfahrtbehörde (SSC). Mit
der amerikanischen General Dynamics nimmt auch ein US-Unternehmen
mit einem Kommunikationsexperiment an der europäischen Mondmission
teil. Smart-1 erprobt neue Platz und Gewicht sparende Miniaturisierungstechniken.
In der Raumfahrt bedeutet weniger Masse pro mitgeführtem
Instrument mehr Instrumente pro Nutzlast und damit mehr Möglichkeiten
für
wissenschaftliche Experimente.
Die Nutzlast dieser Sonde sieht
ein Dutzend technischer und wissenschaftlicher Untersuchungen mit
sieben
Instrumenten vor, die insgesamt nur 19 kg auf die Waage bringen.
Das würfelförmige Röntgenteleskop D-CIXS (Demonstration
of a Compact Imaging X-ray Spectrometer) aus dem britischen Rutherford
Apleton Laboratory beispielsweise, ist nur 15 cm breit und wiegt
weniger
als 5 kg. Die ultrakompakte elektronische Kamera AMIE (Asteroid-Moon
Micro Imager Experiment), die bei der CSEM SA in Neuchâtel
gefertigt wurde, ist so leicht wie ein Hobby-Camcorder. Mit der
APCO Technologie
SA in Vevey - Structure and Mechanical Ground Support Equipment
- sowie der Contraves Space in Oerlikon - Electric Propulsion Mechanism
- sind
zwei weitere schweizerische Firmen massgeblich an der Mission beteiligt.
Auch
neue Navigations- und Weltraum-Kommunikationstechnologien sollen
getestet werden. Das auf den Bildern der schweizerischen Miniaturkamera
AMIE und der Sternrichtungsgeber beruhende Experiment OBAN (Onboard
Autonomous Navigation) ist der erste Schritt hin zu künftigen "selbständigen" Raumfahrzeugen.
In nicht allzu ferner Zukunft werden wissenschaftliche Sonden in
der Lage sein, ihren vorausberechneten
Weg
mit einem Minimalaufwand an Bodenkontrolle zu finden und sich
hauptsächlich
an Sternen und anderen Himmelskörpern zu orientieren.
KATE - die mit dem Mond redet
Was die Kommunikation betrifft, so müssen die Ingenieure neue,
effiziente Verbindungsmöglichkeiten zwischen der Erde und den
Tiefen des Weltraums
für interplanetare Missionen entwickeln, die lange dauern und
weit von der Erde wegführen. Aus diesem Grunde ist mit KATE
(Deep Space X/Ka-band Telemetry and Telecommand Experiment) eine
von den EADS-Astrium Ingenieuren geschaffene Experimentieranlage
mit an Bord, um neue Kommunikationsfrequenzen für wissenschaftliche
Missionen zu erproben. So ganz nebenbei lässt sich auch in das Innere
des Mondes schauen.
Bei der Entwicklung des kombinierten X/Ka-Band-Transponders von KATE
wurden neue Technologien auf dem Gebiet der integrierten Chips der
digitalen Signalaufbereitung und bei den Gehäuse-Materialien eingesetzt.
Dadurch soll die Kommunikation zu Raumfahrzeugen in grosser Entfernung
von der Erde noch sicherer und effizienter werden.
Zudem
wird ein Laserexperiment durchgeführt, bei dem die Sonde die
Verbindung mit der Erde mit Hilfe eines Laserstrahls anstatt herkömmlicher
Funkwellen herstellt. Von einer optischen Bodenstation auf Teneriffa
(Kanarische
Inseln) aus kommuniziert die ESA bereits über Laserverbindungen
mit Fernmeldesatelliten. Die Ausrichtung des Laserstrahls ist sehr
viel schwieriger, wenn - wie im Fall von Smart-1 - das Raumfahrzeug
sehr weit
entfernt ist und sich überdies schnell bewegt. Die Wissenschaftler
hoffen, dass die Bordkamera AMIE in der Lage sein wird, den Laserstrahl
auf Teneriffa zu erfassen.
Mehr über Smart-1 und das Wissenschaftsprogramm der ESA erfahren Sie unter
http://www.esa.int/science
Kleiner Exkurs der Himmelsmechanik
Fotos: ESA, J.Huart, Medialab |