Kleiner
Exkurs der Himmelsmechanik
Lagranges unsichtbare Pforten im All
Die Himmelsmechanik beschäftigt sich mit der astronomischen
Anwendung der physikalischen Gesetze, um die Bahnen von Planeten,
Satelliten oder anderen Himmelskörpern zu erklären und
vorauszuberechnen. Man kann sagen, dass dieses Teilgebiet der Physik
mit der Veröffentlichung von Isaak Newtons "Principia" im
Jahre 1687 geboren wurde in denen sein Gravitationsgesetz dargelegt
wurde, das die auf den Körper einwirkenden Kräfte beschreibt,
sowie seine drei Gesetze der Bewegung, die darstellen, wie diese
Kräfte Beschleunigungen der Bewegung der Körper verursachen.
Auf dieser Grundlage werden die Methoden der Himmelsmechanik benutzt,
um die aus der Beschleunigung resultierenden Umlaufbahnen der Körper
zu bestimmen.
Einer der ersten Erfolge war die Erklärung der drei Keplerschen
Gesetze. Diese sind Beschreibungen der Umlaufbahnen der Planeten
um die Sonne als Ellipsen, die aus der Beobachtung der Planetenbewegung
abgeleitet werden. Bis zu Newtons Veröffentlichungen konnten
keine befriedigenden Erklärungen dieser empirischen Gesetze
gegeben werden. Die Keplerschen Gesetze gelten streng für
ein abgeschlossenes isoliertes System zweier Körper. Im Sonnensystem
verursacht die Anziehung der anderen Planeten und Satelliten signifikante
Abweichungen der Umlaufbahnen eines Planeten von der elliptischen
Bewegung, und im Laufe genauerer Beobachtungen werden diese Störungen
offensichtlich.
Die grössten Mathematiker des 18. und 19. Jahrhunderts waren
an den Bemühungen beteiligt, die Störungen der Umlaufbahnen
zu berechnen und vorherzusagen, um der immer höheren Genauigkeit
der Beobachtungen und dem immer grösseren Beobachtungszeitraum
Rechnung tragen zu können. Das Hauptproblem war die Umlaufbahn
des Mondes - einerseits, weil der Mond uns sehr nahe ist,
andererseits aber auch, weil seine Umlaufbahn um die Erde sehr
stark von der Sonne gestört wird.
So entwickelte der schweizerische Mathematiker und Astronom Leonhard
Euler (1707-83) bedeutende Arbeiten auf nahezu allen Gebieten der
Mathematik, die für die Astronomie wichtig sind, z.B. Berechnungen
von Bahnstörungen der Planeten, der exakten Bewegung des Mondes
und seine Theorie des Lichts. Der Nachfolger Eulers, der französische
Mathematiker Joseph Louis de Lagrange (1736-1813), war bahnbrechend
auf fast allen Gebieten der Mathematik, schrieb 1788 das erste
Buch der theoretischen Physik, arbeitete über Hydrodynamik
und begründete die analytische Mechanik, nach ihm als Lagrange-Funktion
benannt, förderte die Himmelsmechanik mit Arbeiten über
das Planetensystem, die Störungslehre und das Dreikörperproblem.
Lagrange entdeckte 1772 die Lagrangschen Punkte, die für beliebig
grosse Masse geltenden strengen Lösungen des Dreikörperproblems
gehörenden Punkte. Sie beziehen sich anschaulich auf die Bewegung
eines Körpers unter dem Einfluss zweier Hauptkörper.
Smart-1 wird den Lagrangschen Punkt 1 (L-1) durchqueren, einen
der unsichbaren Durchgänge im All. Am Punkt L-1 - 50'000
bis 60'000 km vom Mond entfernt - ist der Gravitationseffekt
von Erde und Mond absolut gleich.
Für die Manöver unter Schwerelosigkeit mit einem solarelektrischen
Antrieb mussten die ESA-Experten neuen mathematischen Berechnungen
nachgehen.
Bilder: University of St.Andrews, Uni-Bremen
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