Europas Sprungbrett ins Weltall
Die internationale
Raumstation
Fred Richter,
Agent and Consultant
Nach der Schaffung von leistungsfähigen Trägerraketen
und den dazugehörenden Raumtransportern, ist der nächste logische Schritt eine ständig
bewohnte Raumstation zu entwickeln, wenn die ständige Präsenz des Menschen im Weltraum
angestrebt wird.
Aus diesem Grunde haben sich die USA, Russland, Japan,
Kanada und Europa dazu entschlossen, gemeinsam eine Raumstation zu bauen, die anfangs des
dieses Jahrhunderts funktionstüchtig sein soll.
Die internationale Raumstation wird nach ihrer
Fertigstellung mit einer Breite von 108 m und einer Tiefe von 74 m etwa die Fläche von 1½
Fussballfeldern einnehmen und eine Gesamtmasse von 450 t haben. Sie wird aus einer Anzahl
von druckbeaufschlagten Modulen bestehen, in denen eine siebenköpfige Besatzung wohnen
und arbeiten kann.
Neben Modulen, die hauptsächlich für Systemfunktionen
der Station selbst dienen, sind für die Arbeit der Astronauten in erster Linie folgende
Module von Interesse: Das russische Versorgungsmodul und das amerikanische Labormodul, ein
amerikanisches Modul mit einer Zentrifuge, das japanische Labormodul und das europäische
Columbus-Orbitallabor. Ausserdem erlauben verschiedene Aussenplattformen die Unterbringung
von Beobachtungs- und Versuchseinrichtungen an der Aussenseite der Station. Die Station
wird 110 kW elektrische Leistung erzeugen, wovon 46 kW für die Arbeit in den Laboren und
auf den Aussenplattformen zur Verfügung stehen.
Das europäische Raumlabor
DasKernelement
des europäischen Beitrags ist die sogenannte Columbus Orbital Facilty (COF). Die
zylinderförmige Kabine ähnelt stark dem auf dem US-Shuttle verwendeten deutschen
Spacelab. Sie bleibt ständig an der Station angedockt und soll für Arbeiten auf dem
Gebiet der Werkstoffkunde, Flüssigkeitsphysik, Biowissenschaft sowie Technologien in der
Schwerelosigkeit eingesetzt werden. Das Druckmodul besteht aus einer Metallzylinderröhre,
die Vorder- und Rückseite wird von konischen Platten verschlossen. Es enthält ein
Lebenserha1tungssystem und fünf der typischen Spacelab-Schränke(Racks) von je 700 kg.
Das europäische Raumlabor wird am zweiten Knoten der
Raumstation angekoppelt und von dieser mit Energie, Sprechfunk, Atemluft und
Temperaturregelung sowie anderen Ressourcen versorgt. Bis zu 13,5 kW Gleichstrom
mit 120 V Spannung stehen maximal zur Verfügung. Aussen hat die Druckschale
Waffelstruktur und ist mit einem rnehrschichtigen Isoliermittel und einem Meteorit- und
Weltraumtrümmer-Schutzschild versehen.
Damit das Modul während seiner zehnjährigen
Einsatzdauer für verschiedene Forschungszwecke verwendet werden kann, lassen sich die
Experimentierschränke problemlos auswechseln. Um wichtige Experimente vor jeglichen
irdischen Einflüssen abzuschirmen, werden diese auf einer Palette ausserhalb der Station
angebracht.
Die Station wird ein echtes Forschungsinstitut im
Weltraum sein, in der eine multinationale Besatzung wissenschaftliche und technologische
Untersuchungen anstellen wird, die zu neuen und besseren Lösungen auf der Erde führen
könnten. Die internationale Raumstation bietet eine einmalige Chance zur Zusammenarbeit
bei der Entwicklung fortschrittlicher Spitzentechnologien.
Transferfahrzeug als logistisches Schlüsselement
Im Rahmen des
sogenannten Mischflottenkonzepts des Projekts will Europa das eigene Transportsystem
Ariane 5 einsetzen. Für diesen Zweck wird eine intelligente Transferstufe mit der
notwendigen Avionik und den Ressourcen für die Manöver zur Ergänzung der Rakete
benötigt. Das automatische Transferfahrzeug (ATV) ist eine solche Transferstufe. Es ist
ein unbemannter Nutzlasttransporter, der in seiner Funktionsweise den russischen
Progress-Raumschiffen ähnelt. Er kann automatisch an die Station andocken und diese mit
Material und Geräten versorgen. Zudem hat dieses Vehikel auch mit grossen
Treibstofftanks, Triebwerken und Lageregelungssystem die notwendige Kapazität für einen
"Reboost" - eine Anhebung der Umlaufbahn der Station. Damit soll die Umlaufbahn
des Komplexes regelmässig angehoben werden, dessen Bahn von der Restatmosphäre von 450
auf 350 km abgebremst wird. Die Bahnanhebungsfunktion (Reboost) gilt als
europäischer Infrastrukturbeitrag am Komplex.
Das europäische Transferfahrzeug hat die Form
eines kurzen Zylindermoduls von etwa 2,5 m Höhe und 5 m Durchmesser und passt unter die
Nutzlasthaube der Ariane 5 Rakete. Es besteht aus einem Antriebs- und einem Avionsmodul
mit den Treibstofftanks und den Untersystemen für Lageregelung, Temperaturhaushalt,
Stromversorgung und Funkverkehr. Der Antrieb erfolgt mit acht kleinen Raketenmotoren am
Heck. Auf der Frontplatte des ATV werden die Nutzlasten montiert, entweder in einem
Containermodul mit geregeltem Atmosphärendruck oder auf einer L-förmigen Palette, wenn
sie dem Vakuum des Weltraumes ausgesetzt werden können. Gemischte Nutzlasten können
ebenfalls befördert werden, damit wiegt das ATV 6,7 bis 9 t. Abhängig von der jeweiligen
Mission kann dieses ATV direkt an einem Kopplungsstutzen der Station anlegen oder an einem
anderen Punkt in der Nähe "parken", wo die Nutzlast vom Manipulatorensystem
aufgenommen wird. Das Fahrzeug kann bis zu sechs Monaten an der Raumstation angekoppelt
bleiben, um mit Abfällen gefüllt zu werden. Dann wird es auf eine Absturzbahn über
unbewohntes Gebiet gebracht, auf der es zusammen mit dem Abfall durch Reibungshitze und
mechanischer Belastung während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre zerstört wird.
Gesteuert werden die Manöver des Transferfahrzeuges vom Kontrollzentrum (ESOC) in
Darmstadt. Eine verbesserte Version soll später auch als Schlepper für bemannte
Raumfahrzeuge dienen.
Europas intelligenter Roboterarm
Von den drei Manipulatorsystemen, die auf der
internationalen Raumstation verwendet werden sollen, ist besonders der europäische
Roboterarm ERA (External Robotic Arm) von Bedeutung. Man kann ihn wegen seiner Mobilität
überall einsetzen. Beim Einsatzszenario für die russischen Elemente kann er Aufgaben
übernehmen, die weder der bisherige Umdockarm der MIR-Station noch der russische Kran
Strela bewältigen kann. Letzterer beispielsweise besteht aus einem Teleskopausleger, der
um einen Fusspunkt am Kernmodul drehbar ist. Er hat keinen Motor, sondern wird von einem
Kosmonauten mittels Kurbel angetrieben. Jeder Einsatz des Krans erfordert einen Ausstieg
von zwei Kosmonauten aus der Raumstation. Einer muss die Kurbel bedienen, der andere die
Last am Ende des Krans positionieren. Weder Umdockarm noch Kran lassen sich an einen
anderen Einsatzort verlegen, sie können auch nicht gemeinsam eingesetzt werden.
ERA ist ein über 10 m langer symmetrischer
Manipulatorarm, der aus vier Teilen besteht: zwei Ellenbogen und zwei Handgelenken. Jedes
Handgelenk ist mit gleichartigen Greifvorrichtungen an einem auf der Aussenseite der
Station eingebauten Fusspunkt befestigt, über den er mit elektrischer Energie und Daten
versorgt wird. Dank seines Aufbaus kann er sich von einem Einsatzort zum anderen bewegen,
indem er sich abwechselnd mit einer Greifvorrichtung festhält und die andere zum
nächsten Fusspunkt ausstreckt. Er kann entweder halbautomatisch durch die Bedienung eines
sich ausserhalb der Station befindlichen Astronauten betrieben werden oder auch
vollautomatisch mit einem vorgegebenen Programm unter Aufsicht eines Raumfahrers der
Station.
Die Greifvorrichtung ist dafür ausgelegt, Nutzlasten,
die mit Standardhalterungen ausgerüstet sind, zu ergreifen und sie an anderer Stelle
wieder abzusetzen, Kräfte und Drehmomente zu messen und elektrischen Strom, Daten- und
Videosignale an die Nutzlasten zu übertragen, die sie erfasst haben. Um mechanische
Arbeiten durchführen zu können, sind die Greifvorrichtungen mit einem integrierten
Servicewerkzeug - einer Art Schraubenschlüssel - ausgerüstet. ln Verbindung mit einer
Platte, die mit Fusshalterungen und Handgriffen versehen ist, kann dieser Greifarm auch
Astronauten bei Aussenbordarbeiten tragen. Kameras und Lampen an beiden Enden auf dem Arm
erlauben einen Blick auf den Arbeitsort und ermöglichen Inspektionen auf der Aussenseite
der Raumstation. Alle Arbeitsschritte für den europäischen Roboterarm sind im
bordeigenen Computer, der ebenfalls direkt auf dem Greifarm angebracht ist,
vorprogrammiert, so dass die Astronauten sich darauf beschränken können, die einzelnen
Arbeiten abzurufen und ihren konkreten Ablauf nur zu überwachen haben.
Während der Aufbauphase wird der Arm dazu benutzt
werden, ganze Module zu versetzen. Nach der Fertigstellung der Station wird er dann dazu
gebraucht, die Solarzellen auszutauschen, extreme Nutzlasten zu behandeln und Inspektionen
durchzuführen. Der Roboterarn wird normalerweise von einem Ankerpunkt aus betrieben, der
auf einer kleinen Plattform montiert ist, die auf Schienen entlang der Trägerstruktur der
russischen Plattform fahren kann. Der europäische Arm kann aber auch zu Ankerpunkten auf
anderen Stationsstellen "wandern", wodurch sein Einsatzbereich erhöht wird.

Europäische Astronauten auf der Raumstation
Als Folge der Beteiligung am internationalen
Raumstationsprogramm erhält Europa auch einen Anteil an der Besatzung der Station. Im
Durchschnitt werden zwei europäische Astronauten pro Jahr drei Monate auf der Raumstation
arbeiten. Diese werden sowohl beim Systembetrieb als auch an der wissenschaftlichen
Nutzung teilnehmen. Als Stationsingenieure werden sie bestimmte Betriebsaufgaben nicht nur
für das europäische Labormodul, sondern auch für andere Systeme der Gesamtstation
wahrnehmen. Als Stationswissenschaftler werden sie Experimente an Bord durchführen, wobei
die zuständigen Wissenschaftler am Boden aktiv einbezogen werden, soweit die jeweiligen
Experimentierbedingungen dies erfordern und gestatten.
Kein europäischer Mannschaftstransporter ... ?
Ursprünglich vorgesehen war ein kapselähnlicher
Mannschaftstransporter (CTV) mit stumpfbiokonischer Form, der mit vier Mann Besatzung an
der Spitze der Ariane 5 auf eine geostationäre Bahn gebracht werden sollte. Die Kapsel
sollte bei der Landung so genau steuerbar sein, dass sie bei der Rückkehr aus hoher
Bahnneigung praktisch in jedem Teil Europas mit einem Fallschirm niedergehen konnte, zu
Lande oder zu Wasser. Der Aufprall bei der Landung sollte durch eine Bremsrakete oder
einen Airbag gemildert werden. Er fiel aus Kostengründen dem Rotstift zum Opfer.
Inzwischen scheint jedoch den europäischen Forschungsministern klar geworden zu sein,
dass ein Transport mit amerikanischen oder russischen Trägern keineswegs billiger kommt.
Aus diesem Grunde wurde der französischen Aerospatiale abermals eine Mannschaftskapsel
als Studienauftrag erteilt.
Vorerst einmal probt man mit einem
"Atmospheric Reentry Demonstrator", der grosse Ähnlichkeit mit der
Apollo-Kapsel hat. Der Durchmesser dieses unbemannten Vehikels beträgt 2.8 m und hat die
Höhe von 2.4 m. Das sind 50% der Masse, die später die Astronautenkapsel
haben soll. Dieser Versuchsträger hat eine Aussenhaut aus Aluminium. Der kritische Teil
der Konstruktion ist das Aleastrasyl-Hitzeschild an der breiten Grundplatte
der Kapsel. Das ist ein Silikon-Material mit integrierten Phenolharzen. Das
elektrische System der Kapsel und das Flugleitsystem beruhen auf der für die Ariane 5
entwickelten Technologie. Das gilt auch für das von der deutschen DASA beigesteuerte
Lageregelungssystem mit sieben Hydrazindüsen, welche die Kapsel vor dem Eintritt in die
Atmosphäre mit dem Hitzeschild in Flugrichtung voran ausrichten soll.
Die endgültige Entscheidung über einen europäischen
Mannschaftstransporter steht also noch aus, noch dazu, da die Amerikaner drängen,
stattdessen das Rettungsfahrzeug für die Station zu bauen, wofür die Europäer
allerdings keine allzu grosse Begeisterung zeigen ...
Zu neuen Ufern
Die Beteiligung am Programm der internationalen
Raumstation soll sicherstellen, dass Europa auch morgen noch in der Lage ist, hochwertige
innovative Erzeugnisse und Dienstleistungen hervorzubringen, die auf dem Weltmarkt
Abnehmer finden - trotz einer wachsenden Konkurrenz von aussereuropäischen Ländern, die
in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen haben, um eine vergleichbare
Industrie- und Forschungskapazität aufzubauen.
Bleibt zu vermerken: Das von Europa für das russische
Versorgungsmodul zu entwickelnde Datenmangementsystem DMS-R, hat grosse Ähnlichkeit mit
der Anlage, welche die ESA für das Columbus-Modul entwickelt. Insofern hat Europa
Einfluss auf das Datenmanagementsystem des gesamten Raumstationskomplexes. |